Montag, 16. November 2015
[Je suis ... moi - über die Ehrlichkeit der Anteilnahme]
Dieser Freitag war für viele ohnehin kein normaler Freitag. Insbesondere abergläubische Menschen hatten an diesem Tag ein mulmiges Gefühl im Magen. Es war Freitag, der 13. Doch was dann passierte übertraf alles Befürchtete. Ein grausamer Anschlag, nicht nur auf Paris, sondern auf Europa machte diesen Freitag zum Vater aller 13. Freitage.

Kurze Zeit nach dem Bekanntwerden der Attentate von Paris fingen die ersten an, ihre Anteilnahme auf sozialen Netzwerken kund zu tun. Gewiss, wir alle nutzten das Internet, um uns über das Ausmaß der Katastrophe zu informieren. Auch ist es nicht verwerflich, sein Beileid öffentlich auszusprechen. Auch ich habe mich der Facebook-Zunft angeschlossen und mein Profilbild in den französischen Farben eingefärbt. Ich gehe auch davon aus, dass diese gewaltige öffentliche Anteilnahme Balsam auf die verwundete Seele der Franzosen ist. Aber muss es wirklich sein, dass man sein Mitgefühl mit einem extra dafür geknipsten Selfie ausdrückt? Braucht die Welt Fotos, denen man ansieht, dass 15 Versuche nötig waren, um sich selbst, die Kleidung und die Wohnungseinrichtung möglichst vorteilhaft zu präsentieren? Gespickt mit allen möglichen Hashtags, dass auch ja alle vorkommen mögen. Meiner Meinung nach geht es diesen nicht darum, den Franzosen, ja den Europäern in diesen Stunden beizustehen, sich gegenseitig Mut zu machen. Diesen Leuten geht es nur darum, sich selbstsüchtig und nach Likes lechzend einer möglichst breiten – daher die Hashtags – Allgemeinheit zu präsentieren.

Ich habe zunächst gar nichts gepostet. Funkstille. Zu berechenbar und automatisiert war das Verhalten der Facebooker, Twitterer und Instagramer. Außerdem wollte ich nicht wirken, als wollte ich etwas von den Gefällt-mir-Angaben abbekommen. Ich war ehrlich gesagt sogar einigermaßen verwirrt, wenn nicht sogar schockiert, wie schnell sich das Eiffelturm-Peacezeichen als offizielles Logo zum Terroranschlag etabliert hat. Zugegeben, der Einfall ist genau so genial wie simpel. Trotzdem: Ist es nötig, dass alle reflexartig ihre Profil- und Titelbilder ändern und publikumswirksam ihre Anteilnahme bekunden?

Nein. Ist es nicht. Aber es ist geläufig und völlig okay. Und wer hat schon das Recht, die Art und Weise der Trauerbewältigung eines anderen zu bewerten? Die Mechanik ist bekannt: Leute ändern ihr Profilbild. Leute regen sich über Leute auf, die ihr Profilbild ändern. Leute echauffieren sich darüber dass den Menschen das eine Drama näher geht als das andere. Wieso die französische Fahne? Wieso nicht die libanesische? Was ist mit Kenia? Nigeria?

Aber was soll´s… Ich brauche mich gar nicht darüber aufzuregen, denn schließlich war ich auch einer von denen. Ich weiß wenigstens für mich, dass ich die Anteilnahme ernst meine. In diesem Sinne:

Je suis Paris



[Je suis Paris]



[Ein blutiges Jahr - Anschläge von Islamisten auf Europäer]
Dieses Jahr gab es eine Reihe islamistischer Terroranschläge auf Europäer. Auf den Kontinent selbst und auf die nordafrikanischen Urlaubsländer

7. Januar 2015: Beim Attentat auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris werden von zwei Tätern zwölf Menschen getötet. Ein dritter erschießt parallel dazu eine Polizistin und nimmt in einem jüdischen Supermarkt Geiseln. Vier davon sterben.

14. Februar 2015: Ein 22-jähriger Araber erschießt in einem Kulturcafé in Kopenhagen einen Mann. Vor einer Synagoge feuert er auf einen Wachmann. Zwei Menschen sterben.

18. März 2015: In der tunesischen Hauptstadt Tunis verlieren 21 Touristen bei einem Anschlag auf ein Museum ihr Leben.

26. Juni 2015: In der Nähe der tunesischen Stadt Sousse werden von einem 24 Jährigen Einheimischen 38 Touristen an einem Hotelstrand erschossen.

21. August 2015: In einem Schnellzug zwischen Brüssel und Paris wird ein 25-jähriger marokkanischer Islamist bei einem Anschlagsversuch mit einer Kalaschnikow von Fahrgästen überwältigt. Zwei Passagiere werden verletzt.

31. Oktober 2015: Über der ägyptischen Sinai-Halbinsel stürzt ein Airbus einer sibirischen Fluggesellschaft ab. Es wird vermutet, dass eine Islamistengruppe für den Absturz verantwortlich ist.

12. November 2015: Von der italienischen Polizei wird ein islamistisches Terrornetz aufgedeckt, dass vorgehabt haben soll, mit Geiselnahmen einen inhaftierten Terrorchef freizupressen.

13./14. November 2015: Eine blutige Terrorserie in Paris fordert 132 Todesopfer. Sieben Angreifer starben; weitere sind vermutlich noch auf der Flucht.

Je suis Paris



Mittwoch, 3. Juni 2015
[Erinnerungen (nicht) gespeichert]
Wohin ich auch komme, nahezu jeder hat ein Handy, besser gesagt ein Smartphone mit sich. Der Zweck dieses Gerätes geht ja bekanntlich weit über telefonieren und texten hinaus. Ein wohl jedem in irgendeiner Form einmal nützliches Feature ist die Fotofunktion. Auch ich benutze die Kamera fast täglich. So auch im letzten Urlaub. Hunderte Urlaubsfotos, Fotos von einem schönene Erlebnis, Erinnerungen. Und alles auf dieser winzigen Speicherkarte. Unglaublich eigentlich. Diese Speicherkarte war es auch, die ein paar Wochen nach dem Urlaub kaputt ging. Sie wurde unbrauchbar, war nicht mehr auszulesen. Und plötzlich war nichts mehr da. Meine Urlaubsfotos - weg, meine gespeicherten Dokumente - weg, meine Kontakte - weg. Eine Lehre hab ich dann doch daraus gezogen: Egal ob die Bilder weg sind oder nicht, das Geschehene wird dadurch ja nicht ungeschehen. Auch wenn ich es nicht auf der Speicherkarte abgelegt habe. Die Erinnerung muss in mir verankert sein und das geht besser, wenn ich hier und da mal das Smartphone Smartphone sein lasse, mich einfach hinsetze, den Moment genieße, die Menschen, mein Umfeld, den Blick schweifen lasse und die Eindrücke in meinem Herzen festbrennen lasse. Und das bringt mir mehr, als dieses hektische fotografieren.



Samstag, 17. Januar 2015
[Warum Frauen keine netten Männer lieben]
Hand hoch! Wie viele verzweifelte Männer gibt es da draußen, die sich selbst als nett, verständnisvoll und zärtlich einstufen und trotzdem Sonntagabend alleine vor dem Fernseher sitzen und ihrem Vorbild Kai Pflaume (ein augenscheinlich netter, verständnisvoller aber auch ein Frauentyp) die Frage ihres Lebens stellen: “Warum will mich keine Frau?”
Bevor ich das beantworte, definieren wir mal die typischen Merkmale eines Mr. Nice Guy. Nur damit sich auch die Männer wieder erkennen, die sich morgens in grenzenloser Selbstleugnung mit einem Poster von Sylvester Stallone vor dem Badezimmerspiegel rasieren.
Du hast in Deinem Freundeskreis Unmengen von hübschen, intelligenten Frauen, von denen Du jede einzelne irgendwann einmal begehrt hast. Jede dieser Frauen hat Dein Geständnis – vorgetragen in einem edlen italienischen Restaurant, in der Hand ein Strauss mit 1.000 roten Rosen (mindestens!) – folgendermaßen quittiert: “Du bist echt ein netter Kerl und ich habe Dich wahnsinnig gern, aber nur als Freund”.
Und weil Du so ein echt netter Kerl bist… hast Du Dich der Bitte “Lass uns doch weiterhin Freunde bleiben, ja?” gebeugt, statt der Schlampe Dir gegenüber zu sagen, dass sie für das teure Essen wenigstens einmal die Beine breit machen könnte.
Zum Beispiel so, wie sie es für ihren monatlich wechselnden Idioten von Freund tut, der sie mindestens zweimal die Woche verprügelt und außerdem mit ihrer besten Freundin fremdgeht. Woher Du das weißt? Du bist schließlich ihre Telefonseelsorge. Deine Nummer ist bei Deiner Freundin ganz oben auf den Schnellwahltasten ihres Telefons gespeichert. Natürlich unter “Oma” oder “Tanja”, denn die südländischen Macker, mit denen sie derzeit herumhängt, sind rasend eifersüchtig. Meistens ruft sie nachts um 3 an, wenn das Veilchen gerade frisch blüht und sie ungeachtet dessen noch vor 5 Minuten Versöhnungs-Sex mit ihm hatte. In schöner Regelmäßigkeit stößt sie Dir mit “Wenn er doch nur ein bisschen so wäre wie Du!” die verrostete Nagelfeile tiefer ins Herz, während sie Dir Dein C-Hemd mit wasser- und waschmittelfester Wimperntusche verschmiert.
Ein bisschen so wie Du? Mädel, hier sitzen 100%, warum bekommst Du das nicht in Deinen dummen blonden Schädel? Trotzdem wartest Du, denn Du bist Dir ganz sicher, dass sie irgendwann dieses muskelbepackte Wanzenhirn abschießen und merken wird, dass DU der Richtige bist. Ja, und die Zeit gibt Dir in einem Punkt recht: eines Tages steht sie vor Deiner Tür und heult, bis sich Dein Laminatboden wellt. Er ist weg, durchgebrannt, ein Arsch der nur mit seinem Schwanz denken kann und Du hättest ja so recht gehabt und überhaupt. Du bist sozusagen seit Jahren bereit zur Übernahme und krempelst schon die Ärmel hoch, da sagt sie plötzlich “Du, Dein Freund, der Sebastian.. ist der eigentlich noch solo?”. Und in genau dem Moment wünscht Du dir die Hexenverbrennung zurück.
Aber weil Du ein echt netter Kerl bist….
…bist Du ihr Trauzeuge, wenn sie nächste Woche Sebastian heiratet.
Deine Exfreundinnen, die sich für kurze Zeit in einem Anfall von Mitleid (und weil barmherzige Hilfsorganisationen gerade “in” waren) in Dein Leben verirrt haben, reden ausnahmslos nur Gutes über Dich. Und zwar, dass Du zärtlich, verständnisvoll und ein guter Zuhörer bist und immer für sie da warst, wenn sie Dich brauchten. Und dass Du natürlich der beste Partner bist, den eine Frau sich wünschen kann. Doch den Satz “Du bist mein bester Kumpel und der einzige, der mich wirklich versteht!” hast Du so oft gehört, dass Du inzwischen das Copyright darauf haben müsstest. Auf die Frage, warum sie Dich dann verlassen haben, sagen sie, dass sie es selbst nicht wissen und es wahrscheinlich irgendwann bereuen werden… Alle Welt denkt jetzt, dass Du eine riesengroße Niete im Bett bist. Du bereust, dass Du in eurer Beziehung deine Sado-Maso-Fesselphantasien aus Rücksichtsnahme nicht ausgelebt hast.
Aber weil Du ein echt netter Kerl bist… bist Du auch nach der Trennung noch zärtlich, verständnisvoll, ein guter Zuhörer und immer für sie da (auch wenn Dir im Unterbewusstsein irgendwie klar ist, dass sie so nicht wirklich etwas verloren haben und Du einfach nur blöd bist).
In der Disco führst Du oft lange und ernste Gespräche mit Frauen. Du hast Ihnen nach einer hitzigen Tanzphase ein Glas Wasser gereicht und Ihnen Komplimente über ihre Ausstrahlung und ihre Ohrringe gemacht. Jede ist beeindruckt von Deiner Intelligenz, Deinem Wissen, Deinem Humor und Deiner zurückhaltenden Art. Sie freut sich über Dein Interesse an dem was sie tut und was sie bewegt. Alle anderen Männer, die sie sonst ansprechen würden, seien nämlich nur auf das Eine aus. Wenige Minuten später verlässt sie mit dem dubios aussehenden Typen, der eure Unterhaltung mit den Worten “Du hast einen geilen Arsch! Kommst Du noch mit zu mir?” unterbrochen hat, die Disco.
Aber weil Du ein echt netter Kerl bist… fährst Du ihr hinterher und wartest vor dem baufälligen Plattenbau in einer Gegend, in der Du nicht mal einer 80jährigen Nonne über den Weg trauen würdest, dass sie wieder heraus kommt. Im Morgengrauen verlässt sie mit verheultem Gesicht und zerrissenen Klamotten panikartig das Gebäude. Du fährst das zitternde Häufchen Elend nachhause und sie verspricht dankbar, sich bei Dir zu melden. Ca. 10 km Rückweg vergehen, bis Dir klar wird, dass ihr eure Telefonnummern gar nicht ausgetauscht habt.
Du hast Dich wieder erkannt? Du sitzt vor dem Bildschirm und rufst seit 10 Minuten “Ja, genau! Aber WARUM ist das so?”

Grund 1: Jemand, der einer Frau zu jeder Tages- und Nachtzeit so gut zuhören kann wie Du, ist selten. Und das ist Dein Todesurteil, denn um es mal mit den Worten einer Bulemikerin auszudrücken: “Ich esse nie dort wo ich kotze”. Das heißt für Dich, dass sie zwar gerne ihre Sorgen bei Dir ablädt, sich ihren Spaß aber woanders und nicht bei Dir – ihrer seelischen Müllhalde – holen wird.

Grund 2: Nette Männer sind langweilig. Sie verbreiten nicht dieses prickelnde Versprechen eines aufregenden Marlboro-Man-mit-Drei-Tage-Bart- Abenteuers. Frauen sind Pferdeflüsterinnen; sie wollen wilde Hengste zähmen und nicht auf dem Pony-Karussell reiten.

Grund 3: Frauen wissen nicht, was sie wollen und sind dankbar, wenn ihnen jemand die Entscheidung abnimmt. Männer wie Du, die Ihnen alle Wege offen lassen und ihnen signalisieren “Es wird so ausgehen, wie Du es magst, ich werde all das tun was Du sagst, ich werde da sein, wenn Du nach mir fragst” werden leider auch irgendwann fragen müssen “Äh…Wo willst Du hin?” wenn ihre Angebetete mit dem Kerl abzieht, der ihr sagt “Du willst mit mir ins Bett, gib es zu!”.

Grund 4: Wohl der entscheidende Faktor ist die Tatsache, dass irgendwo in dem großen Buch der menschlichen Geschichte verankert ist, dass nette Männer nicht mit netten Frauen zusammen kommen dürfen. Anscheinend ist das ein physikalisches und psychisches Polaritätsproblem, vergleichbar wie bei einem Magneten. (+) und (+) stoßen sich nun mal ab.

Was bedeutet das also für Dich? Werde ein rücksichtsloses Arschloch, dem die Gefühle einer Frau völlig an den Sackhaaren vorbeigehen.
Aber weil Du ja ein echt netter Kerl bist… wirst Du weiterhin Deiner Linie treu bleiben und darauf hoffen, dass sich irgendwann die physikalischen Gesetze ändern