[Je suis ... moi - über die Ehrlichkeit der Anteilnahme]
Dieser Freitag war für viele ohnehin kein normaler Freitag. Insbesondere abergläubische Menschen hatten an diesem Tag ein mulmiges Gefühl im Magen. Es war Freitag, der 13. Doch was dann passierte übertraf alles Befürchtete. Ein grausamer Anschlag, nicht nur auf Paris, sondern auf Europa machte diesen Freitag zum Vater aller 13. Freitage.

Kurze Zeit nach dem Bekanntwerden der Attentate von Paris fingen die ersten an, ihre Anteilnahme auf sozialen Netzwerken kund zu tun. Gewiss, wir alle nutzten das Internet, um uns über das Ausmaß der Katastrophe zu informieren. Auch ist es nicht verwerflich, sein Beileid öffentlich auszusprechen. Auch ich habe mich der Facebook-Zunft angeschlossen und mein Profilbild in den französischen Farben eingefärbt. Ich gehe auch davon aus, dass diese gewaltige öffentliche Anteilnahme Balsam auf die verwundete Seele der Franzosen ist. Aber muss es wirklich sein, dass man sein Mitgefühl mit einem extra dafür geknipsten Selfie ausdrückt? Braucht die Welt Fotos, denen man ansieht, dass 15 Versuche nötig waren, um sich selbst, die Kleidung und die Wohnungseinrichtung möglichst vorteilhaft zu präsentieren? Gespickt mit allen möglichen Hashtags, dass auch ja alle vorkommen mögen. Meiner Meinung nach geht es diesen nicht darum, den Franzosen, ja den Europäern in diesen Stunden beizustehen, sich gegenseitig Mut zu machen. Diesen Leuten geht es nur darum, sich selbstsüchtig und nach Likes lechzend einer möglichst breiten – daher die Hashtags – Allgemeinheit zu präsentieren.

Ich habe zunächst gar nichts gepostet. Funkstille. Zu berechenbar und automatisiert war das Verhalten der Facebooker, Twitterer und Instagramer. Außerdem wollte ich nicht wirken, als wollte ich etwas von den Gefällt-mir-Angaben abbekommen. Ich war ehrlich gesagt sogar einigermaßen verwirrt, wenn nicht sogar schockiert, wie schnell sich das Eiffelturm-Peacezeichen als offizielles Logo zum Terroranschlag etabliert hat. Zugegeben, der Einfall ist genau so genial wie simpel. Trotzdem: Ist es nötig, dass alle reflexartig ihre Profil- und Titelbilder ändern und publikumswirksam ihre Anteilnahme bekunden?

Nein. Ist es nicht. Aber es ist geläufig und völlig okay. Und wer hat schon das Recht, die Art und Weise der Trauerbewältigung eines anderen zu bewerten? Die Mechanik ist bekannt: Leute ändern ihr Profilbild. Leute regen sich über Leute auf, die ihr Profilbild ändern. Leute echauffieren sich darüber dass den Menschen das eine Drama näher geht als das andere. Wieso die französische Fahne? Wieso nicht die libanesische? Was ist mit Kenia? Nigeria?

Aber was soll´s… Ich brauche mich gar nicht darüber aufzuregen, denn schließlich war ich auch einer von denen. Ich weiß wenigstens für mich, dass ich die Anteilnahme ernst meine. In diesem Sinne:

Je suis Paris